Gedanken zu den Musikstücken der Demo-CD



Gipsy

"Man reist nicht nur um anzukommen, sondern vor allem um unterwegs zu sein." (Jh. W. Goethe).

Getreu diesen Worten, hat vermutlich der kanadische Bassist Alain Caron den Song Gipsy unterwegs in Paris komponiert, als er zusammen mit dem Jazzgeiger Didier Lockwood und dem Gitarristen Jean-Marie Ecay im Tonstudio eine CD aufnahm. Sind Musiker, die viel unterwegs sind nicht auch Nomaden im Herzen? Fern der Heimat packt sie gern ein wenig der Blues, doch meist überwiegt die Neugier nach Begegnung. Beide Elemente meinte ich auch in dem Thema des Musikstückes in Form von unterschiedlich charakteristischen Teilen wieder zu finden. "Diese Lebenshaltung würze ich mit einer extra Portion Swing, indem ich ein Schlagzeug hinzunehme und die Melodie weitgehend unisono spielen lasse. Spontanes Fußwippen wäre dann die höchste Form des Applauses.

Smiling Faces


"Everybody that you meet, people on the street going places, music in the air, people everywhere smiling faces" Der Text passt prima zu dem Song: "Smiling Faces" der britischen Funk-Gruppe Incognito. Musik liegt in der Luft. Sie zaubert den im Alltagstrott vorbeihastenden Menschen ein Lächeln ins Gesicht. Könnte dieses Lächeln nicht auch aus der Erinnerung an einen tollen Konzertabend (mit der Formation Superstrings) aufsteigen? Schrittlänge und Rhythmus verändern sich!
Ein guter Groove erfrischt den Gang und erhellt den Tag mit einem Lächeln.

Our Spanish Lovesong


Ein sonniger Morgen. Vor dem Auge erstreckt sich eine Landschaft aus sanften Hügeln und Tälern. Wiesen und Wälder wechseln mit reifroten Weinbergen.
Gierig wird der Morgennebel von den ersten Strahlen der Sonne aufgesogen.
Stück für Stück werden die sanft gefärbten Landflecken der Talsohlen dem Blick freigegeben.
Das Auge des Betrachters kann sich nicht satt sehen und genießt jeden Moment der Entfaltung von Schönheit.
Gleichermaßen entwickelt sich das Thema des Musikstückes "Our Spanish Lovesong".
Immer wieder erfährt die sich sanft auf- und abwärts wiegende Melodie ungeahnte harmonische Wendungen; entfaltet sich ein neuer geheimnisvoller Klang.
Getragen wird der Lovesong von einem ruhigen Puls, seinem luftig tänzerischen Rhumba-Rhythmus und von seiner ergreifend schlichten Sanglichkeit.
Die Komposition von Charlie Haden bekommt in dem Arrangement von Superstrings ein neues Gewand.
Mit den Klängen eines Streichquartetts, den filigranen Improvisationen von Klavier und Violine und dem von Bass und Schlagzeug luftig gehaltenen Rhythmus entsteht eine Musik, die einlädt zum Tanzen und Träumen.

Summernight-Samba


Als ich dem Musiker und Arrangeur Jan T. von meiner Idee einer "funky Fiddleband" erzählte, fiel ihm sofort der Titel: "Summernight-Samba" ein. Er sagte: "dieses Feuerwerk der Offbeats innerhalb von Sambaklängen - das wäre für Streicher eine echte Herausforderung.
Die Geigen würden eine ungeahnte Leichtigkeit in diese furiose Musik hineinbringen, welche bisher nur von Bigbands realisiert wurde.
"Summernight-Samba war mein persönlicher Sommerhit" erinnert er sich. "Mit Freunden habe ich mich nach den Proben getroffen und wir haben diesen Song gemeinsam rauf und runter gehört." Wenn ihr das stilecht realisiert, werden die Zuhörer aus den Sitzen springen, das würde ich gern erleben.
Bereits in der folgenden Woche schrieb er für Superstrings dieses wunderschöne Arrangement.
Der Jazzgitarrist N. Scholly meinte spontan: "Summernight-Samba mit Streichinstrumenten? Das schafft ihr nie!"

Summer In The City


Dieser Song der amerikanischen Jazzformation The Yellowjackets heißt im original: "Daddy´s gona miss you." Gehört habe ich das Stück erstmals als Jugendlicher auf einem Open-Air Konzert auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Gespielt wurde die Melodie von einem Saxophonisten, und ich begann zu träumen irgendwann einmal so ausdrucksstark und spielerisch auf meiner Geige über einen Song improvisieren zu können.
Es war Sommer, die Vögel im angrenzenden Stadtpark zwitscherten ihre Melodien - wie es schien mit den Musikern im Wetteifer. In meinem inneren Reisegepäck steckte die wundersame Lektüre: "The catcher in the rye." (dt. Titel.: Der Fänger im Roggen) von J.D. Salinger. Daraus einen Ausschnitt:
...Der unglücklich verliebte Protagonist hat einen Schlussstrich mit der verlogenen Welt der Erwachsenen gezogen und beschließt, allein auszureißen und sich Arbeit auf einer Farm zu suchen. Aber vorher möchte er sich noch von seiner Schwester verabschieden: Er schleicht sich in die Wohnung der Eltern und weckt Phoebe. Endlich ein Mensch, der ihm zuhört! Holden erzählt von einer Familie, der er begegnete. Der sechsjährige Sohn sang auf der Straße: "Wenn einer einen anderen fängt, der durch den Roggen läuft".
Phoebe klärt ihn darüber auf, dass der Text aus einem Gedicht des schottischen Lyrikers Robert Burns stammt und es eigentlich heißt: "Wenn einer einen anderen trifft...". Darauf entgegnet Holden: "Ich dachte, es hieße 'Wenn einer einen anderen fängt.' Aber jedenfalls stelle ich mir immer kleine Kinder vor, die in einem Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von kleinen Kindern, und keiner wäre in der Nähe -- kein Erwachsener, meine ich -- außer mir. Und ich würde am Rand einer verrückten Klippe stehen. Ich müsste alle festhalten, die über die Klippe hinauslaufen wollen -- ich meine, wenn sie nicht Acht geben, wohin sie rennen, müsste ich vorspringen und sie fangen. Das wäre einfach der Fänger im Roggen. Ich weiß schon, dass das verrückt ist, aber das ist das einzige, was ich wirklich gern wäre."...
Diese Momentaufnahme hat sich so tief in meinem Bewußtsein verankert, dass mir beim späteren wiederholten Hören und Bearbeiten des Songs plötzlich ein Text durch meinen Kopf geisterte:

Summer in the city. Now push your fears away.
Don't you cry in pity, Enjoy that sunny day.
Summer in the city, Be like the catcher in rye.

Seither heißt der Song: "Summer in the city" und der Refrain wird auch gesungen.
Die mit der Geigenbesetzung plötzlich auftauchende Assoziation zur Countrymusik passt ja vortrefflich zu den Plänen des Aussteigers, in Zukunft auf dem Lande zu leben.

Edzard Model